Was sich nach Zukunftsmusik anhört, dürfte schon bald Realität sein: Eine neue Plattform der Hochschule Luzern bringt die Rehabilitation nach Schlaganfällen und anderen neurologischen Erkrankungen zu den Patienten nach Hause.
Ein Schlaganfall bedeutet oft monatelange Klinikaufenthalte und Therapie mit beschwerlichen Wegen. Das könnte sich bald ändern: Ein Forschungsteam um Andrew Paice hat an der Hochschule Luzern gemeinsam mit Partnern die VR-Plattform «RecoveryFun» entwickelt. Sie soll Patienten ermöglichen, ihre Reha digital und dennoch eng begleitet durch Fachpersonen zu Hause fortzusetzen.
«Die Idee war, eine gleichwertige Behandlung wie in der Klinik zu schaffen, nur eben im Wohnzimmer», erklärt Paice. Mit einer Virtual-Reality-Brille tauchen die Nutzer in eine spielerische Trainingswelt ein, in der jede Armbewegung, jeder Griff und jede Reaktion präzise gemessen wird. Alle Daten fliessen in eine Cloud-Plattform, über die Therapeuten den Fortschritt in Echtzeit verfolgen und Übungen individuell anpassen können.
Therapie trifft auf Spiel
Die Übungen, sogenannte Exergames, kombinieren Bewegung und kognitive Aufgaben. In einem virtuellen Garten werden Früchte in einer bestimmten Reihenfolge gepflückt, das trainiert die Schulter- und Armbewegung sowie das Arbeitsgedächtnis. In einem anderen Spiel müssen Objekte je nach Form oder Farbe schnell «weggetippt» werden, was die Feinmotorik, Reaktion und selektive Aufmerksamkeit fordert. Generell zielen die Übungen auf Bewegungsumfang, Kraft, Koordination, Reaktionsfähigkeit und geteilte Aufmerksamkeit ab. «Unsere Spiele sind keine Spielerei», betont Paice. «Sie basieren auf etablierten therapeutischen Prinzipien und wurden gemeinsam mit Fachpersonen entwickelt.» Das Ziel: mehr Motivation, längere Trainingszeiten und bessere Therapieerfolge. Fachpersonen sehen dank der digitalen Datenerfassung, wie sich Beweglichkeit, Geschwindigkeit oder Genauigkeit verändern. Sie können die Schwierigkeit der Übungen aus der Ferne anpassen, oder über integrierte Videokonferenzen direkt Feedback geben. So entsteht eine intensivere und individuellere Mischform aus Präsenz- und Tele-Reha.

Mit «RecoveryFun» ist Physiotherapie in den eigenen vier Wänden möglich. Bild: J Wirth
Viele Patienten, vor allem ältere Menschen, sind in ihrer Mobilität eingeschränkt oder wohnen weit entfernt von einer spezialisierten Neuro-Reha-Klinik. Für sie ist der niederschwellige Zugang zentral. «Mit RecoveryFun reicht im Idealfall ein Stecker und die Brille», sagt Paice. Kein Computer, keine komplizierte Installation, keine langen Anfahrtswege – dafür mehr Flexibilität und die Möglichkeit, Angehörige einzubeziehen. Und auch das Verständnis für die eigene Genesung wächst: Die Plattform liefert direktes Feedback über Fortschritte, Bewegungsumfang und Trainingsdauer, was dabei hilft, dranzubleiben.
Mehr als nur Schlaganfall-Therapie
Ursprünglich für Schlaganfallpatienten entwickelt, eignet sich die Plattform auch für Menschen mit Parkinson, Multipler Sklerose oder nach Schädel-Hirn-Traumata – vorausgesetzt, eine gewisse Beweglichkeit und kognitive Belastbarkeit sind gegeben. «Langfristig möchten wir die Inhalte für verschiedene Krankheitsbilder anpassen», erklärt Paice. VR-Lösungen in der Therapie gibt es bereits, aber vor allem für den Einsatz in Kliniken und mit Hand-Controller. Die Kombination aus controllerfreier Handerkennung, integrierter Video-Betreuung und einem konsequenten Co-Creation-Ansatz mit Patientinnen, Therapeuten und Angehörigen mache RecoveryFun in dieser Form einzigartig.
Damit die Technologie in der Praxis ankommt, braucht es Schulungen und Zeit. «Die Reha-Teams müssen lernen, die neuen digitalen Möglichkeiten sinnvoll in ihren Alltag zu integrieren», sagt Paice. Der Prototyp ist entwickelt, erste Pilotstudien sind abgeschlossen. Partner Tech4Care arbeitet derzeit an der Markteinführung im B2B-Bereich. Für Paice und sein Team wäre der nächste Schritt eine klinische Validierung und die Vorbereitung einer möglichen medizinischen Zulassung. «Langfristig wünschen wir uns, dass VR-Tele-Reha ein selbstverständlicher Bestandteil der modernen Versorgung wird.»
