{"id":7285,"date":"2017-05-23T17:07:33","date_gmt":"2017-05-23T15:07:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fon-times.ch\/?p=878"},"modified":"2022-05-25T09:56:42","modified_gmt":"2022-05-25T07:56:42","slug":"wenn-das-tablet-im-bett-wichtiger-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wenn-das-tablet-im-bett-wichtiger-ist\/","title":{"rendered":"Wenn Das Tablet Im Bett Wichtiger Ist&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>So weit musste es wohl kommen, jetzt brauchen wir nicht nur einen Psychiater, mit dem wir \u00fcber unsere Macken sprechen k\u00f6nnen, sondern auch eine Digital-Therapeutin, die uns von der Smartphone- und E-Mail-Versklavung erl\u00f6st und aus unserem digitalen Hamsterrad holt.<\/h3>\n<p>Anitra Eggler hei\u00dft die Wahl-Wienerin, die uns nicht zu Unrecht in einem Network-Karriere-Titelseiten-Interview die Leviten liest: Schlie\u00dflich vergeuden wir sinnlos unsere Lebenszeit. Von zehn Arbeitsjahren verbringen wir zwei Jahre mit dem Schreiben und Beantworten von E-Mails und weitere zwei satte Jahre mit dem Handy.<\/p>\n<p>Anitra Eggler wei\u00df, wor\u00fcber sie spricht. Sie ist Journalistin, Bestsellerautorin, war viele Jahre Managerin von Medien- und Werbefirmen in der Internetbranche und z\u00e4hlt zu den 100 besten Vortragsrednern der D-A-CH-Region.<\/p>\n<p>Eine bezaubernde junge Frau, die es faustdick hinter den Ohren hat und uns sagt, warum wir dumm, krank, arm, unfrei, impotent, arbeitslos und asozial werden (suchen Sie sich was aus), wenn wir nicht rasch lernen, Digitalika klug zu konfigurieren.<\/p>\n<p>Anitra Eggler braucht kein Warm-up f\u00fcr ein Interview. Sie legt gleich aus dem Stand los und sagt uns, wie der Hase l\u00e4uft:<\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> E-Mail, Handy, Web, wir sind dauerabgelenkt statt aufmerksam. Wir reagieren statt zu agieren. Wir sind \u00fcberkommuniziert, aber uninformiert. Jetzt kennen Sie die fiesesten Fakten.<\/p>\n<p>Verzeihen Sie die Schwarzmalerei \u2013 ein Tribut an die Schocktherapie. Wie und warum ich mich nach fast 15 Manager-Jahren in der Internet-Branche einer Digital-Therapie unterzogen habe und warum es so wichtig ist, immer wieder zu entgiften (\u201eDigital Detox\u201c hei\u00dft das Medienmodewort), beantworte ich gerne.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Sie haben den Begriff \u201eDigital-Therapie\u201c erfunden. Was ist das? Was bringt das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Eine Digital-Therapie therapiert weit verbreitete Kommunikationskrankheiten. Sie hilft Menschen und Unternehmen, den digitalen Segen auszubeuten, f\u00fcr den die digitale Revolution angetreten ist.<\/p>\n<p>Ich habe den Begriff 2010 erfunden, um den Menschen mit einem Augenzwinkern r\u00fcberzubringen, dass wir unser Verhalten \u00e4ndern m\u00fcssen, wenn wir uns nicht alle in den Wahnsinn treiben m\u00f6chten.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Warum braucht man eine Therapie? Um den digitalen Segen auszubeuten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Weil wir uns derzeit von den Medienm\u00f6glichkeiten sagen lassen, wie wir die Technologien nutzen, und nicht von unserem Menschenverstand. Dadurch entstehen Kommunikationskrankheiten wie Handy-Hysterie, E-Mail-Wahnsinn, Sinnlos-Surf-Syndrom oder Facebook-Inkontinenz \u2013 die rauben uns Lebenszeit und Erfolg, beruflich und privat.<\/p>\n<p>Beispiel: Nur weil es das Handy erm\u00f6glicht, rund um die Uhr erreichbar zu sein, muss ich es ja nicht sein, wenn mir mein Menschenverstand sagt, dass ich mich nicht wie ein Notarzt verhalten muss, weil ich gar kein Notarzt bin.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: Ich sollte auch nicht ans Telefon gehen, um zu sagen, dass ich gerade gar nicht ans Telefon gehen kann, weil ich z. B. in einer Besprechung bin.<\/p>\n<p>Das ist albern. Oder: Nur weil es medienm\u00f6glich ist, auf Facebook \u00f6ffentlich Tagebuch zu f\u00fchren und seinen inneren Gedankenstrom in Form eines Live-Tickers zu ver\u00f6ffentlichen, muss ich das ja nicht tun, wenn mir mein Menschenverstand sagt, dass die Ver\u00f6ffentlichung meiner Privatsph\u00e4re meiner Reputation schadet.<\/p>\n<p>Aus unternehmerischer Sicht: Nur weil es scheinbar nichts kostet, eine Fan-Page anzulegen (in Wirklichkeit kostet es viel, n\u00e4mlich Zeit, Ressourcen und im schlechtesten Fall Reputation), muss ich das nicht tun, wenn mir meine strategische Weitsicht sagt, dass ich keine Ressourcen f\u00fcr einen weiteren PR-Kanal habe und die Facebook-Seite nur Zeit kostet, aber nicht messbar mehr Umsatz bringt.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> 68 Prozent der Handybesitzer leiden an eingebildetem Vibrationsalarm. Jeder Zweite nimmt das Handy mit ins Bett. Warum lassen wir uns so bereitwillig von Maschinen bestimmen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Weil wir die Gebrauchsanleitung nicht lesen. Weil wir zu faul sind, die Ger\u00e4te zu konfigurieren, und deshalb immer nur die Idiotenfunktionen nutzen. Weil wir versuchen, schneller als die Maschinen zu sein, und deshalb keine Zeit mehr haben.<\/p>\n<p>Warum haben wir keine Zeit mehr? Weil wir sie uns nicht nehmen. Nehmen Sie sich Zeit, Ihre Ger\u00e4te zu konfigurieren. Schlauen Sie sich auf. Wie das? Durch die erweiterte Google-Suche oder mit YouTube-Tutorials \u2013 das verstehe ich unter Sinnvoll-Surfen.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Digitale Ger\u00e4te sind f\u00fcr viele ein Segen \u2013 f\u00fcr Sie nicht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Doch. Nat\u00fcrlich. Ich m\u00f6chte nicht ohne mein Handy oder das Internet leben. Aber es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich ein ideales Verh\u00e4ltnis von Distanz und N\u00e4he entwickelt habe. Plus: Ich musste Zeit investieren, um den Segen auszubeuten und den Fluch auszuschalten.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Wie kann man den digitalen Segen ausbeuten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Das Zauberwort hei\u00dft \u201eZeit\u201c \u2013 das ist die wertvollste W\u00e4hrung unserer aktionistischen Sofortness-Gesellschaft, deshalb geizen wir damit und leiden unter dem zerm\u00fcrbenden Gef\u00fchl, st\u00e4ndig im Zeit-Minus zu sein.<\/p>\n<p>Dabei ist Zeit der Schl\u00fcssel zum Segen. Jeder muss Zeit investieren, um Zeit zu gewinnen \u2013 das klingt paradox, aber es funktioniert.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Was hei\u00dft das konkret?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler<\/strong>: Sie m\u00fcssen Zeit investieren, um Ihre Ger\u00e4te und Apps so zu konfigurieren, dass sie Ihnen das bringen, wof\u00fcr die digitale Innovation angetreten ist: Zeitersparnis, viele Dinge des Alltags und des Jobs vereinfachen, Informationen und Wissen besser managen und, ja, Menschen zusammenbringen, Meinungen austauschen und, wichtig, auch ganz einfach mal Spa\u00df haben und entspannen.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Das klingt kinderleicht. Wo ist der Haken?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Die Herausforderung besteht darin, dass die Idiotenfunktionen der Ger\u00e4te so intuitiv zu bedienen sind, dass man v\u00f6llig hirnfrei beginnt, ein Ger\u00e4t oder eine App in Betrieb zu nehmen und sich dann von den Medienm\u00f6glichkeiten \u2013 und nicht vom gesunden Menschenverstand \u2013 sagen l\u00e4sst, wie man das Ger\u00e4t oder die App sinnvoll nutzt.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt dazu, dass uns die Ger\u00e4te im Griff haben und die Anbieter unsere Privatsph\u00e4re und nicht wir die Ger\u00e4te und unsere Daten. Erkenntnis: Das Betriebssystem f\u00fcr jede Technologie ist nicht die Technologie selbst, sondern sein Anwender, der Mensch. Jedes Smartphone ist nur so smart wie sein Besitzer.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Wann haben Sie Ihr erstes Handy gekauft?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> 1996, ein Nokia 2110. Heute ist dieser Knochen ein Kultobjekt. Damals war man \u201ewichtig\u201c, wenn man auf der Stra\u00dfe telefonierte \u2013 heute ist man versklavt, ein Zombie.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Von 1998 bis 2010 waren Sie als Start-up-Managerin erfolgreich. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie reif sind f\u00fcr eine Digital-Therapie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Anfang 2009. Da habe ich Bilanz gezogen und mit Entsetzen festgestellt, dass ich bereits 1,5 Jahre vermailt und 2,5 Jahre versurft hatte.<\/p>\n<p>Heute wei\u00df ich, dass ich mir und meinen damaligen Mitarbeitern viel Arbeits- und Lebenszeit h\u00e4tte sparen k\u00f6nnen, wenn ich fr\u00fcher kritisch hinterfragt h\u00e4tte, wie ich die digitalen Medien nutze, wie wir kommunizieren m\u00f6chten und \u2013 noch wichtiger \u2013 wie nicht.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Vier Jahre im Netz \u2013 wie haben Sie das \u201egeschafft\u201c?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Ganz einfach: Ich war der schlimmste E-Mail-Saulus und der gr\u00f6\u00dfte Informations-Junkie, den Sie sich vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Highspeed-Kommunikation und Dauererreichbarkeit habe ich immer als Notwendigkeit, als Wettbewerbsvorteil, als Synonym f\u00fcr Projektmanagement und Dienstleistertugend angesehen.<\/p>\n<p>Das hie\u00df: To-Do-Listen Samstagnacht, st\u00e4ndig online, auch im Urlaub und im Morgengrauen, st\u00e4ndig auf Dauerrecherche, st\u00e4ndig Grauzonen optimierend, st\u00e4ndig kommunizierend, st\u00e4ndig fordernd, E-Mail als Synonym f\u00fcr Produktivit\u00e4t und F\u00fchrung missbrauchend \u2013 das schien mir ganz normal und mehr noch, es schien mir notwendig.<\/p>\n<p>Darunter haben meine Leute gelitten \u2013 und meine Lebensqualit\u00e4t. Als Tageszeitungs-Redakteurin hatte ich in den 1990er-Jahren gelernt abzuschalten. Wenn die Zeitung in Druck ist, defragmentiert man das Hirn, um Platz zu schaffen f\u00fcr den n\u00e4chsten Arbeitstag.<\/p>\n<p>Ohne diese F\u00e4higkeit w\u00e4re ich ausgebrannt. Einige meiner Weggef\u00e4hrten hatten diese F\u00e4higkeit nicht. In meinem Freundes- und Ex-Kollegenkreis gibt es mehr Burnout-F\u00e4lle als Kinder.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Die Online-Arbeiter haben Ihre st\u00e4ndige Erreichbarkeit quasi selbst propagiert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Das tun sie heute noch. Und jetzt lassen wir die \u201eDigital Natives\u201c mal au\u00dfen vor. Die leben ja auch nur die Medieninkompetenz nach, die vorgelebt wird.<\/p>\n<p>Sehen Sie sich Twitter-Profile von klugen Menschen an: Da werden im Halbstundentakt 140 Zeichen \u201eBlubb\u201c in den \u00c4ther der Unwichtigkeit gejagt, nur unterbrochen von sechs Stunden Schlaf. Wann leben diese Menschen? Und wovon leben sie? Von 140 Zeichen Luftgitarre?<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Ist der aktuelle Internet-Boom wieder eine Blase?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Hellsehen \u00fcberlasse ich Hellsehern. Wenn ich mit Start-up-Unternehmern spreche, kann ich nur sagen: Wir haben dieselben Fehler gemacht. Heute wiederholen sie sich \u2013 das m\u00fcsste nicht sein. Wir wollten in den 1990ern auch nur die Chancen, alles andere haben wir ignoriert.<\/p>\n<p>Wenn du in Goldrausch-Stimmung bist, f\u00e4llt das auch leicht. Du arbeitest rund um die Uhr \u2013 und hast Spa\u00df dabei. Man verwechselt seinen Online- und Kommunikationsaktionismus mit Produktivit\u00e4t. Ich selbst kommuniziere gerne und denke schnell. Das habe ich vorgelebt und von meinen Mitarbeitern auch eingefordert.<\/p>\n<p>Ich habe t\u00e4glich bis 23 Uhr, 24 Uhr gearbeitet und bin mit dem Handy ins Bett. Niemand hat mich dazu gezwungen; ich wurde nicht ausgebeutet.<\/p>\n<p>Das kam aus mir selbst. Bis ich nach \u00fcber zehn Jahren erkannt habe: Wenn wichtiger wird, dass man kommuniziert, als WAS man kommuniziert, ist das ist blinder Aktionismus.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Sie warnen vor der digitalen Dauerablenkung. Warum?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Weil sie unsere Konzentrationsf\u00e4higkeit zerst\u00f6rt. Das ist ein gewaltiges Problem. Wenn ich st\u00e4ndig versuche, alles gleichzeitig zu tun, mache ich nichts mehr richtig. Harvard-\u00c4rzte nennen die Dauerablenkung inzwischen \u201eADT \u2013 Attention Deficit Trait\u201c.<\/p>\n<p>Namensvater Dr. Edward Hallowell geht davon aus, dass heute jeder zweite Manager unter ADT leidet. Das hei\u00dft: Er l\u00e4sst sich von der n\u00e4chsten Unterbrechung, z.B. Spam-E-Mail, sagen, was er als n\u00e4chstes tut und nicht von seiner Priorisierung.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Aber suchen wir diese Ablenkung nicht selbst, wenn wir st\u00e4ndig unser Handy, unseren Posteingang oder unser Facebook-Konto kontrollieren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Doch, verr\u00fcckterweise. Genau das tun wir. Warum? Unser Gehirn wird s\u00fcchtig nach den Dopamin- und Adrenalin-Aussch\u00fcttungen, die einen Aufmerksamkeitsreiz begleiten.<\/p>\n<p>Wir gehen diesen Ablenkungen nach, weil wir einfach nicht imstande sind, das abzuschalten. Deshalb rate ich zum Beispiel, bei Smartphones den automatischen Mail-Download und s\u00e4mtliche Push-Mitteilungen abzuschalten. Dann sieht man nicht dauernd, dass schon wieder ungelesene Nachrichten da sind.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nicht anders \u2013 wir wollen dann \u201enur mal kurz gucken\u201c. Daraus wird aber meistens \u201eziemlich lang\u201c. Unser Hirn ist s\u00fcchtig nach diesen Gl\u00fcckserlebnissen.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Die Technologien, die uns schneller, produktiver und flexibler machen sollten, bewirken das Gegenteil?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Man l\u00fcgt sich selbst in die Tasche. Fragt man die Leute, wie oft sie pro Tag auf Facebook gehen, dann h\u00f6rt man in aller Regel: Naja, zweimal, vielleicht dreimal, immer nur f\u00fcr ein paar Minuten.<\/p>\n<p>Schaut man sich dann die Mediadaten von Facebook an, stellt man fest: Die durchschnittliche Verweildauer eines Facebook-Nutzers betr\u00e4gt zwanzig Minuten. Unsere Zeitwahrnehmung beim Nutzen sozialer Netzwerke ist total verzerrt. Wenn ich dreimal am Tag f\u00fcr zwanzig Minuten auf Facebook bin, macht das schon eine Stunde.<\/p>\n<p>Rechnen Sie jetzt noch die Mittagspause dazu und ein bisschen Kaffeeklatsch hier, ein bisschen ins Nirwana googeln da plus die Dauerablenkung durch pseudowichtige E-Mails oder Messenger-Nachrichten, die \u201esofort\u201c beantwortet werden m\u00fcssen \u2013 und Sie kommen auf einen beachtlichen Arbeitszeitverlust.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass die Leute dann glauben, sie m\u00fcssten abends und am Wochenende nacharbeiten.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Ihr Tipp lautet also abschalten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Ja, Abschalten ist extrem wichtig. St\u00e4ndig wird so getan, als sei Multitasking eine Karrieretugend. Sehen Sie sich Stellenanzeigen an: Da wird nach der Krake gesucht, die 666 Dinge auf einmal tun kann. Das ist irre.<\/p>\n<p>In meinen Augen z\u00e4hlt es heute zur unternehmerischen Verantwortung, den Leuten zu sagen: Wir wollen keine st\u00e4ndige Erreichbarkeit. St\u00e4ndige Erreichbarkeit ist f\u00fcr mich inzwischen Synonym f\u00fcr miserables Zeitmanagement.<\/p>\n<p>Nur Sklaven sind st\u00e4ndig erreichbar. Das ist ein falscher Karriere-G\u00f6tze, der gest\u00fcrzt werden muss. Besser investieren Sie in einen Funklochraum, wo Mitarbeiter ungest\u00f6rt konzentriert arbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Wann wird ein Umdenken einsetzen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Es hat l\u00e4ngst begonnen. Die Personalabteilungen merken, dass es immer mehr Krankheitstage aufgrund psychischer Ersch\u00f6pfung gibt, die Chefetagen erfahren vom Produktivit\u00e4tsverlust durch digitale Ablenkungen am Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Verschiedene Zusammenh\u00e4nge, dasselbe Fazit: Dieser Trend ist kontraproduktiv. Wir sollten die Technik intelligent nutzen \u2013 aber wir sollten uns dabei nicht an die Technik outsourcen.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Was ist das Wichtigste, das Sie wegen Handy, Web und E-Mail verpasst haben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Das Einzige, was wir verpassen k\u00f6nnen, wenn wir Angst haben, etwas zu verpassen \u2013 und das ist leider das Wertvollste, was es im Leben gibt \u2013 ist: Leben. Aber keine Bange, das hole ich inzwischen nach allen Regeln der Lebenskunst nach.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Wie ist Ihnen der Ausstieg gelungen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Indem ich mir Zeit genommen habe, ganz kritisch zu hinterfragen, f\u00fcr welches Ziel ich welches Medium oder Ger\u00e4t einsetzen will.<\/p>\n<p>Und: Indem ich dann ganz strikt die Medien und Ger\u00e4te so konfiguriert habe, dass sie mich auf dem k\u00fcrzesten Weg zum Ziel bringen. Plus: Ich habe Kommunikationsrituale gebrochen, die sich eingeschlichen hatten.<\/p>\n<p>Dinge wie: st\u00e4ndiges Standby-Sein, st\u00e4ndig kommunizieren, auch im Urlaub, oder E-Mails checken, auch wenn man gar keine Zeit hat zu antworten, z. B. im Stra\u00dfenverkehr. Und ganz wichtig: Schluss mit dem Multitasking!<\/p>\n<p>Heute bin ich, gleich was ich tue, wieder zu 100 Prozent bei der Sache: Wenn ich esse, esse ich, wenn ich telefoniere, telefoniere ich, wenn ich maile, maile ich \u2013 ich versuche nicht mehr, alles gleichzeitig und dadurch nichts mehr richtig zu machen. Diese Aufmerksamkeit f\u00fcr andere, dieses Pr\u00e4sent-und-dabei-menschlich-Sein, ist ganz sicher einer meiner Erfolgsfaktoren.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Das sch\u00f6nste Kompliment, das man jemand machen kann, ist ungeteilte Aufmerksamkeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Richtig. Einfach das Handy in der Tasche lassen. Auf der Beziehungsebene ist das ein Garant f\u00fcr gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck und Innigkeit. Beruflich macht das Abschalten extrem effizient und die ungeteilte Aufmerksamkeit begl\u00fcckt Kollegen, Mitarbeiter, Chefs und nat\u00fcrlich Kunden gleicherma\u00dfen. Ausprobieren!<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Woran erkennt man einen Han<\/strong><strong>dy-Zombie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Neulich erz\u00e4hlte mir ein Vortragszuh\u00f6rer, er sei mit seiner Frau im Bett gelegen und habe an seinem iPad rumgemacht, bis er eine Nachricht seiner Frau, die neben ihm lag, bekam, da stand drin: \u201eSchatz, ich liege \u00fcbrigens neben dir!\u201c Das erkl\u00e4rt, warum die Geburtenrate nicht aus dem Keller kommt.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> Sofortnachrichten f\u00fchren zu Be<\/strong><strong>ziehungsstress?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Klar. Und wie! Handys generell tun das. Jeder Zweite ist eifers\u00fcchtig auf das Handy des Partners.<\/p>\n<p>Wir sind alle Hobby-Japaner: Wir fotografieren alles und erleben weniger, und wir sind Hobby-Stalker \u2013 wir flippen aus, wenn der Partner f\u00fcr Sekunden nicht erreichbar ist. Besonders arm finde ich Beziehungen, bei denen die Geo-Daten des anderen als Liebesbeweis eingefordert werden.<\/p>\n<p>Ich kann nur empfehlen, s\u00e4mtliche Funktionen zu deaktivieren, die Auskunft dar\u00fcber geben, wann man zuletzt online war, wann man eine Nachricht gelesen hat, wo man sich gerade befindet und so weiter.<\/p>\n<p>Die digitale Schwarmdummheit hat hier bereits zu Entlassungen und zu Scheidungen gef\u00fchrt. Das \u00c4tzende ist, die Dienste verdienen ja mehr, je mehr wir kommunizieren.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft: Diese Kontrollfunktionen (Paradies f\u00fcr Kontrollfreaks) werden immer wieder ge\u00f6ffnet, auch wenn wir sie abgestellt haben. Nachjustieren ist Aufwand, aber er lohnt sich.<\/p>\n<p><strong>FT:<\/strong><strong> F\u00fcr viele scheint das Handy eine<\/strong><strong> Art Lebenspartner oder ein Partnerersatz zu sein \u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anitra Eggler:<\/strong> Handys k\u00f6nnen r\u00e4umliche Distanz au\u00dfer Kraft setzen. Das empfinde ich als Segen. Das macht Fernbeziehungen und auch die Eltern gl\u00fccklich. Gleichzeitig hat diese digitale N\u00e4he Grenzen. Werden diese permanent \u00fcberschritten, wird das Handy als Ersatzbefriedigung missbraucht.<\/p>\n<p>Wir beginnen virtuelle Beziehungen zu f\u00fchren, die der Realit\u00e4t nicht standhalten. Wir tippen Dinge, die wir Menschen nicht ins Gesicht sagen w\u00fcrden. Wir verwechseln Smileys mit Zuneigung und Herzchen mit Liebe.<\/p>\n<p>Damit beginnt es. Es endet meist unsch\u00f6n. F\u00fcr viele ist das Handy auch einfach nur eine Besch\u00e4ftigungstherapie. Wir m\u00fcssen wieder lernen, es zu genie\u00dfen, nichts zu tun, und das, was wir denken, erst mal in Ruhe f\u00fcr uns selbst denken und nicht sofort kommunizieren.<\/p>\n<p>Weniger ist mehr denn je. Am besten Sie fangen heute damit an! EOM: Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u201eEnd of Message\u201c oder \u201eEnd of Mail\u201c. Wenn Sie Chats beenden m\u00f6chten, bevor das 201. Herzchen-Smiley hin und her geht: \u201eOAO\u201c \u2013 over and out.<\/p>\n<h2>VITA<\/h2>\n<h3>Anitra Eggler<\/h3>\n<p>Die Autorin, Verlegerin und Rednerin wurde am 9. Juni 1973 in Karlsruhe geboren. Sie selbst bezeichnet sich gerne als Europ\u00e4erin und lebt in ihrer Wahlheimat Wien.<\/p>\n<p>Dort schrieb sie ihre B\u00fccher und widmet sich anderen spannenden Ideen. Anitra Eggler begann ihre Schriftstellerkarriere nach dem Abitur als Todesanzeigentexterin in Buenos Aires.<\/p>\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter folgte das Journalismus-Stipendium und der Kulturwirt. Bis 2010 arbeitete sie als eine der Ersten im E-Commerce mit diversen Firmen zusammen.<\/p>\n<p>Die von der Zeitschrift \u201eWoman\u201c ausgezeichnete Powerfrau \u00e4nderte ihr Leben, als die Internetflut sie zu erdr\u00fccken drohte und setzte sich fortan in B\u00fcchern und auf der B\u00fchne f\u00fcr einen selbstbestimmten Umgang mit den digitalen Medien und der Technik ein. Ihr letztes Buch \u201eMail halten!\u201c erschien Anfang des Jahres \u2013 auch als DVD.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.anitra-eggler.com\">www.anitra-eggler.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So weit musste es wohl kommen, jetzt brauchen wir nicht nur einen Psychiater, mit dem wir \u00fcber unsere Macken sprechen k\u00f6nnen, sondern auch eine Digital-Therapeutin, die uns von der Smartphone- und E-Mail-Versklavung erl\u00f6st und aus unserem digitalen Hamsterrad holt. 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