{"id":6558,"date":"2020-12-07T05:05:34","date_gmt":"2020-12-07T04:05:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fon-times-zug.ch\/?p=6558"},"modified":"2022-05-24T19:03:15","modified_gmt":"2022-05-24T17:03:15","slug":"kantonsarzt-rudolf-hauri","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/kantonsarzt-rudolf-hauri\/","title":{"rendered":"Kantonsarzt Rudolf Hauri"},"content":{"rendered":"<h3>Rudolf Hauri steht als Zuger Kantonsarzt und als oberster Schweizer Kantonsarzt seit Ausbruch der Coronapandemie unfreiwillig im Rampenlicht. Wie er mit dieser gesteigerten Aufmerksamkeit umgeht, weshalb er mit Sorgenfalten auf die Wintersportsaison blickt und warum er die Lage im Kanton Zug als \u00abbedrohlich\u00bb eingestuft hat, erz\u00e4hlt er im Gespr\u00e4ch mit FonTimes.<\/h3>\n<p>Daniel Koch erlangte im Fr\u00fchjahr als \u00abMister Corona\u00bb schweizweit Bekanntheit, jede und jeder kennt seither sein Gesicht. Im Mai verabschiedete er sich in den Ruhestand. Seither macht er unter anderem durch Homestorys von sich reden.<\/p>\n<p>Einer, der von seiner Funktion her das Potenzial h\u00e4tte, in Kochs Fussstapfen zu treten, ist Rudolf Hauri. Denn: Hauri ist nicht nur seit 2001 Zuger Kantonsarzt, sondern seit Dezember 2017 auch Pr\u00e4sident der Vereinigung der Kantons\u00e4rztinnen und Kantons\u00e4rzte Schweiz (VKS). In dieser Position tritt Hauri unter anderem an nationalen Pressekonferenzen in Erscheinung und steht in regelm\u00e4ssigem Austausch mit Alain Berset.<\/p>\n<p>Ob sich Hauri tats\u00e4chlich als Mister Corona sieht, verr\u00e4t der Finsterseer im Interview. Denn trotz dieser \u00e4usserst intensiven Zeit hat er sich Zeit f\u00fcr FonTimes genommen (Hinweis: Das Gespr\u00e4ch wurde am 5. November gef\u00fchrt).<\/p>\n<p><strong>Herr Hauri, zu wie viel Schlaf kommen Sie im Moment pro Nacht?<\/strong><\/p>\n<p>Durchschnittlich rund sechs Stunden.<\/p>\n<p><strong>Das heisst, gar nicht viel weniger als vor Ausbruch der Coronapandemie?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, f\u00fcr uns hat sich seit dem Fr\u00fchjahr auch nicht viel ver\u00e4ndert. Sprich, im Sommer wurde es nicht viel ruhiger. Aktuell gilt es f\u00fcr uns jedoch, viel unmittelbare Arbeit zu erledigen. Es ist sogar noch etwas anspruchsvoller als im Fr\u00fchling, als durch den Lockdown alles runtergefahren wurde.<\/p>\n<p>Zudem wurde damals in Krisenstrukturen gef\u00fchrt. Dies ist momentan nicht der Fall. Die Belastung hat f\u00fcr uns also zugenommen. Entsprechend sind wir deutlich mehr Leute im Amt f\u00fcr Gesundheit.<\/p>\n<p><strong>Was heisst dies in Zahlen ausgedr\u00fcckt?<\/strong><\/p>\n<p>Normalerweise sind wir 24 Personen, nun sind es mehr als 30 zus\u00e4tzliche Personen.<\/p>\n<p><strong>Wie ist die Stimmung in Ihrem Team?<\/strong><\/p>\n<p>Trotz dieser Belastung \u00fcber mittlerweile viele Monate haben wir einen sehr guten Teamgeist im Amt f\u00fcr Gesundheit. Dies trotz personeller Fluktuation mit den vielen neuen Mitarbeitenden und der sehr kurzen Eingew\u00f6hnungszeit.<\/p>\n<p>Zudem arbeitet mein Team sehr l\u00f6sungsorientiert. Entsprechend m\u00f6chte ich meinen Leuten einen grossen Dank aussprechen. Dies ist einer meiner pers\u00f6nlichen Gewinne aus dieser Situation: Zu sehen, wie wir dies \u00fcber l\u00e4ngere Zeit gemeinsam stemmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie zwischendurch \u00fcberhaupt noch abschalten?<\/strong><\/p>\n<p>Seit Februar gehe ich sozusagen nicht mehr zur Arbeit, sondern bin im Dienstmodus. Das heisst, ich befasse mich permanent mit dem Thema. Vom Aufstehen bis ins Bett gehen steht die Coronapandemie weitgehend im Vordergrund. Gut schlafen kann ich jedoch trotzdem.<\/p>\n<p><strong>Die Situation \u00e4ndert sich aktuell praktisch t\u00e4glich, so auch die getroffenen Massnahmen in den einzelnen Kantonen. Ist es da selbst f\u00fcr Sie manchmal schwierig, den \u00dcberblick zu bewahren?<\/strong><\/p>\n<p>Die Situation ist in der Tat extrem dynamisch, was eine grosse Flexibilit\u00e4t erfordert. Die \u00dcbersicht im Detail zu behalten, ist kaum mehr m\u00f6glich. Man muss abstrahieren und die relevanten Z\u00fcge im Blick behalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14985\" aria-describedby=\"caption-attachment-14985\" style=\"width: 507px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-14985 size-full\" src=\"https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Hauri-sagt-Die-Uebersicht-im-Detail-zu-behalten-ist-kaum-mehr-moeglich..jpg\" alt=\"Hauri sagt Die Uebersicht im Detail zu behalten ist kaum mehr moeglich.\" width=\"507\" height=\"252\" srcset=\"https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Hauri-sagt-Die-Uebersicht-im-Detail-zu-behalten-ist-kaum-mehr-moeglich..jpg 507w, https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Hauri-sagt-Die-Uebersicht-im-Detail-zu-behalten-ist-kaum-mehr-moeglich.-300x149.jpg 300w, https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Hauri-sagt-Die-Uebersicht-im-Detail-zu-behalten-ist-kaum-mehr-moeglich.-150x75.jpg 150w, https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Hauri-sagt-Die-Uebersicht-im-Detail-zu-behalten-ist-kaum-mehr-moeglich.-324x160.jpg 324w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-14985\" class=\"wp-caption-text\">Hauri sagt: \u00abDie \u00dcbersicht im Detail zu behalten, ist kaum mehr m\u00f6glich.\u00bb Bild: sib<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie das bisherige Vorgehen der Zuger Regierung w\u00e4hrend der Coronapandemie?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Entscheide nur eine kleine Personengruppe betreffen, liegen diese bei uns. Ansonsten liegt die Entscheidungsmacht bei den politischen Akteuren. M\u00fcssen politische Entscheide getroffen werden, werden mehrere Aspekte einkalkuliert, wie beispielsweise wirtschaftliche.<\/p>\n<p>Dies erkl\u00e4rt auch, weshalb wir Epidemiologen bei manchen Massnahmen weiter gehen w\u00fcrden. Ich muss hierbei betonen, dass wir ein gutes Verh\u00e4ltnis zur Politik haben und unseren Antr\u00e4gen gen\u00fcgend Rechnung getragen wird. Auch wenn wir bei gewissen Massnahmen allenfalls weiter gegangen w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel nennen, bei dem das Amt f\u00fcr Gesundheit weiter gegangen w\u00e4re als der Regierungsrat?<\/strong><\/p>\n<p>Wir f\u00fchrten die Diskussion, ob wir auch im Kanton Zug das Limit f\u00fcr Veranstaltungen von 50 auf 30 Personen senken sollen. Aus epidemiologischer Sicht w\u00e4re dies zu begr\u00fcssen gewesen, jedoch ist es nicht matchentscheidend.<\/p>\n<p>Ausserdem hatten wir den Input eingebracht, bereits fr\u00fcher auf eine Maskenpflicht zu setzen. Grunds\u00e4tzliche Dissonanzen zwischen uns und dem Regierungsrat gab es jedoch nie.<\/p>\n<p><strong>Es ist augenf\u00e4llig, dass die Bev\u00f6lkerung nicht alle Massnahmen gleich diszipliniert umsetzt. Beispielsweise ist die Maskenpflicht im \u00d6V und in den L\u00e4den von Anfang an bei den Leuten angekommen. Was die Maskenpflicht auf den Perrons oder im Auto anbelangt, sieht es hingegen anders aus. Auf welche Schwierigkeiten sind Sie bez\u00fcglich Kommunikation solcher Massnahmen bislang gestossen?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn eine neue Massnahme beschlossen wird, melden sich jeweils viele Leute schriftlich bei uns \u2013 manche \u00e4ussern sich zustimmend, andere kritisieren uns f\u00fcr den Entscheid. Dies geh\u00f6rt zu einer offenen und freien Gesellschaft dazu. Zudem ist es wichtig, die Massnahmen zu diskutieren.<\/p>\n<p>Schwierig wird es, wenn von unserer Seite kommunikative Pannen passieren oder die Kommunikation inkonsistent r\u00fcberkommt. Dies ist jedoch normal, wenn nur die Grundkommunikation zentral erfolgt und die \u00abfeinere\u00bb Kommunikation den lokalen Beh\u00f6rden \u00fcberlassen wird. Diese werden zu unterschiedlichen Einsch\u00e4tzungen kommen, was sich wiederum in der Kommunikation niederschlagen wird.<\/p>\n<p>Als Resultat davon kann es der Bev\u00f6lkerung schwerfallen, die kommunizierten Fakten, Zahlen und Massnahmen einzuordnen, da das Einsch\u00e4tzen der Quellen weniger gut m\u00f6glich ist. Sprich, welchem Wissenschafter oder Virologen kann man nun eher trauen?<\/p>\n<p>Zumal diese Personen vor dem Ausbruch der Pandemie in der \u00d6ffentlichkeit nicht pr\u00e4sent waren. Nur so war es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, dass die Maskentragepflicht zur Glaubensfrage mutieren konnte.<\/p>\n<p><strong>Dabei ist es gerade bei der Maskentragepflicht gef\u00e4hrlich, dass diese zu einer Glaubensfrage avanciert ist.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist definitiv nicht f\u00f6rderlich. Entsprechend muss man sich fragen, ob die urspr\u00fcngliche Kommunikation diesbez\u00fcglich gegl\u00fcckt war. Zumal betont wurde, dass das Tragen einer Hygienemaske solidarisch sei und man dadurch seine Mitmenschen sch\u00fctzen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Wie so oft bei der Pr\u00e4vention stellen sich gewisse Menschen dabei die Frage nach dem eigenen Nutzen, wenn man sich schon einschr\u00e4nken muss. Bei der Maske kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Sie ist auff\u00e4llig und ungewohnt.<\/p>\n<p>Es ist f\u00fcr uns sehr gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, dass die Mimik so nur sehr bedingt erkennbar ist. Ich habe Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass man sich daran gew\u00f6hnen muss. Ich muss jedoch auch sagen: Die Maskenpflicht wird grunds\u00e4tzlich sehr gut eingehalten.<\/p>\n<p><strong>Was haben Sie aktuell f\u00fcr ein Bild der Bev\u00f6lkerung und deren Bereitschaft, die beschlossenen Massnahmen mitzutragen? Die Solidarit\u00e4t ist ja schon nicht mehr dieselbe wie noch im Fr\u00fchling, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Eine grosse Herausforderung, der wir zu Beginn wom\u00f6glich zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben, ist jene der Zeitdauer. Insbesondere die j\u00fcngere Generation ist es nicht mehr gewohnt, dass man Einschr\u00e4nkungen in Kauf nehmen muss, die sich \u00fcber eine derart lange Zeitspanne hinziehen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist ja nach wie vor ungewiss, wie lange diese noch andauern werden. Wir als Gesellschaft sind gerade dabei, zu lernen, wie mit dieser Ungewissheit umzugehen ist. Dass dieser Prozess erfolgreich sein kann, haben in der Vergangenheit gen\u00fcgend Beispiele gezeigt.<\/p>\n<p>So regte sich einst vehementer Widerstand gegen neue Sicherheitssysteme im Auto. Heute sind diese selbstverst\u00e4ndlich. Nicht nur die Bev\u00f6lkerung, sondern auch die Beh\u00f6rden sind Teil dieses Prozesses und lernen st\u00e4ndig hinzu.<\/p>\n<p><strong>Zumal es keine ad\u00e4quaten Referenzen gibt.<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten immer mal wieder epidemische Ereignisse in den vergangenen Jahren wie die Schweine- oder die Vogelgrippe. Doch bez\u00fcglich Geschwindigkeit und Ausmass hat die Coronapandemie ganz andere Dimensionen.<\/p>\n<p><strong>Wie l\u00e4uft das Contact Tracing im Kanton Zug? Reichen die personellen Ressourcen aktuell aus?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben sowohl w\u00e4hrend der ersten Welle als auch in der Zwischenphase erfolgreich Contact Tracing betrieben. Als die Fallzahlen hochgeschnellt sind, haben wir Probleme gekriegt. Dies hatte auch zur Folge, dass die Lungenliga, unser Contact-Tracing-Partner, einen R\u00fcckzug machen und sich neu organisieren musste.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen haben wir das Contact Tracing mit einer Parforceleistung auf neue Beine gestellt. Mittlerweile sind wir wieder soweit, dass wir fast ausschliesslich aktuelle F\u00e4lle bearbeiten k\u00f6nnen. Zudem haben wir einige technische Hilfsmittel wie den Erstkontakt per SMS eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Innerhalb der n\u00e4chsten Tage werden wir die Lungenliga wieder an Bord holen. Dann haben wir rund 20 Personen, die voll und ganz f\u00fcr das Contact Tracing im Einsatz stehen. So sind wir auch wieder gewappnet f\u00fcr allf\u00e4llige Schwankungen, was die Fallzahlen anbelangt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14987\" aria-describedby=\"caption-attachment-14987\" style=\"width: 507px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-14987 size-full\" src=\"https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Rudolf-Hauri-hat-Respekt-vor-der-Apres-Ski-Saison..jpg\" alt=\"Rudolf Hauri hat Respekt vor der Apres Ski Saison.\" width=\"507\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Rudolf-Hauri-hat-Respekt-vor-der-Apres-Ski-Saison..jpg 507w, https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Rudolf-Hauri-hat-Respekt-vor-der-Apres-Ski-Saison.-300x184.jpg 300w, https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Rudolf-Hauri-hat-Respekt-vor-der-Apres-Ski-Saison.-150x92.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 507px) 100vw, 507px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-14987\" class=\"wp-caption-text\">Rudolf Hauri hat \u00abRespekt\u00bb vor der Apr\u00e8s-Ski-Saison. Bild: ViewApart\/Depositphotos<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Sie stehen in engem Kontakt mit den Contact Tracern. Was bekommen Sie von denen zu h\u00f6ren? Sind sie am Anschlag?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Zeit lang waren sie dies tats\u00e4chlich. Auch hier war und ist es ein st\u00e4ndiger Lernprozess. Beispielsweise, wie mit komplexeren Kontakten umzugehen ist, bei denen man h\u00e4ngen bleibt, weil es Diskussionen und Verst\u00e4ndnisfragen gibt.<\/p>\n<p>Wir haben nun darauf geachtet, diese F\u00e4lle auszuklinken, um damit die Maschinerie am Laufen zu halten. Ein Feedback der Contact Tracer ist, dass der Anteil der Leute, welche mit Unverst\u00e4ndnis reagieren, h\u00f6her ist als w\u00e4hrend der ersten Welle.<\/p>\n<p><strong>Welche Schl\u00fcsse bez\u00fcglich Infektionsketten konnten Sie bislang aus dem Contact Tracing gewinnen? Wo und wie stecken sich die meisten Leute an?<\/strong><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchling und Sommer konnten wir sehr gut nachverfolgen, wer sich wo angesteckt hat. Im Sommer waren es viele Reiser\u00fcckkehrer aus L\u00e4ndern, die heute als Risikogebiete gelten, welche andere Personen angesteckt haben.<\/p>\n<p>Anschliessend hat die Zahl der F\u00e4lle in einem Ausmass zugenommen, dass eine R\u00fcckverfolgung nicht mehr in jedem Fall m\u00f6glich war. Unter anderem waren es kleinere Veranstaltungen wie Jodelfeste oder private Feste, bei denen sich Leute angesteckt haben.<\/p>\n<p>Es gab auch F\u00e4lle bei Arbeitsstellen ausserhalb des Gesundheitswesens, h\u00e4ufig in administrativen Berufen, wo in B\u00fcros die Abstandsregeln nicht eingehalten wurden. Und: Es gab Einzelf\u00e4lle, dass sich Leute vermutlich beim Einkaufen infiziert haben. Aktuell mit den hohen Fallzahlen zeigen sich keine klaren Muster mehr. Der Anteil von infizierten Kindern ist jedoch nach wie vor tief.<\/p>\n<p><strong>Wo sehen Sie aktuell die gr\u00f6sste Gefahr f\u00fcr Infektionsherde? Die Reisezeit ist aktuell etwas vorbei. F\u00fcrchten Sie sich bereits vor den Skiferien?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist auf jeden Fall Respekt geboten vor den Skiferien. Das gesellige Zusammensein nach der Zeit auf der Skipiste wird problematisch werden. Es entstehen dadurch Situationen, die f\u00fcr die Ausbreitung des Coronavirus sehr g\u00fcnstig sind. Unter Umst\u00e4nden k\u00f6nnten deswegen unangenehme Massnahmen n\u00f6tig werden. Dies w\u00fcrde eine kommunikative Herausforderung darstellen.<\/p>\n<p>Genauso, sollten wir einmal die zweite Welle gebrochen haben, zu erkl\u00e4ren, dass es noch nicht vorbei ist. Wenn wir dann unser Verhalten nicht coronakonform weiterf\u00fchren, riskieren wir eine dritte Welle. Historisch betrachtet, m\u00fcsste es eine solche geben. Die Wintersportzeit klug anzugehen, liegt vor allem an der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie denn an die Eigenverantwortung der Menschen?<\/strong><\/p>\n<p>Einen Grossteil der Bev\u00f6lkerung betreffend tue ich das. Die Frage ist, ob aufgrund der Minderheit, welche sich nicht an die Massnahmen h\u00e4lt, strengere Regeln eingef\u00fchrt werden m\u00fcssen. Wie relevant wird das Verhalten dieser Minderheit sein?<\/p>\n<p><strong>Sie haben Ende Oktober die Lage im Kanton Zug als \u00ab<a href=\"https:\/\/www.ftmedien.ch\/new-site\/bedrohliche-corona-lage-im-kanton-zug\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bedrohlich<\/a>\u00bb eingestuft. Was hat den Ausschlag f\u00fcr diese Einsch\u00e4tzung gegeben?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Entscheid wurden mehrere Faktoren ber\u00fccksichtigt. Einerseits die Zahl der Neuinfektionen, aber auch die Geschwindigkeit der Entwicklung der Neuinfektionen. Ausserdem analysieren wir die F\u00e4lle selbst: Hat ein Grossteil der F\u00e4lle einen Zusammenhang und wir kennen den Ursprung, st\u00f6ren uns h\u00f6here Fallzahlen weniger.<\/p>\n<p>Wenn es hingegen mehrere, voneinander unabh\u00e4ngige Brandherde gibt, ist dies f\u00fcr uns bedrohlicher, weil uns dann die Kontrolle abgeht. Und wir schauen, was f\u00fcr Personen betroffen sind.<\/p>\n<p>Ist der Grossteil der Infizierten junge Leute, kann davon ausgegangen werden, dass diese f\u00fcr das Gesundheitssystem eine weniger grosse Belastung darstellen werden. Wenn sich das Verh\u00e4ltnis hingegen in Richtung \u00e4ltere Personen ab 50 Jahren verschiebt, bedeutet dies eine gr\u00f6ssere Bedrohung, da so die Wahrscheinlichkeit einer medizinischen Betreuung steigt.<\/p>\n<p>Drohen wir auch noch die Kontrolle beim Contact Tracing zu verlieren, wird die Lage bedrohlich. Die \u00abbedrohliche Lage\u00bb bedeutet jedoch erst, dass die Gefahr eines Kontrollverlusts besteht, nicht dass er schon Tatsache w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Wie hilfreich sind die Antigenschnelltests, welche seit Anfang November in der Andreasklinik und im <a href=\"https:\/\/www.zgks.ch\/patienten-besucher\/informationen-coronavirus\/corona-testcenter.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zuger Kantonsspital<\/a> zum Einsatz kommen?<\/strong><\/p>\n<p>Auch die Antigentests waren eine kommunikative Herausforderung. Denn grunds\u00e4tzlich ist es einzig das Analyseverfahren, welches weniger Zeit in Anspruch nimmt im Vergleich zu den PCR-Tests. Die Antigentests bringen bei richtiger Anwendung eine gewisse Entspannung bez\u00fcglich PCR-Tests. Sprich, bei Personen, die entsprechende Symptome aufweisen. F\u00e4llt der Schnelltest positiv aus, hat man den Beleg, dass die Person an Covid-19 erkrankt ist.<\/p>\n<p>Sind die Symptome hingegen schwach oder der Symptomanfang liegt mehr als vier Tage zur\u00fcck, ist beim Schnelltest die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass das Resultat negativ sein wird, obwohl man das Virus bereits in sich tr\u00e4gt. Zusammengefasst sind die Antigentests eine gute Erg\u00e4nzung, l\u00f6sen die PCR-Tests jedoch nicht ab.<\/p>\n<p><strong>Eine Diskussion, die in den letzten Wochen aufgeflammt ist, ist jene bez\u00fcglich Kompetenzverteilung zwischen Bund und Kantonen. Einerseits wird der Bund daf\u00fcr kritisiert, zu sp\u00e4t gehandelt zu haben, andererseits beklagen sich die Leute \u00fcber den kantonalen Flickenteppich. Wie ist Ihre Haltung dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich liegt das Gesundheitswesen in der Kompetenz der Kantone. Sprich, die aktuelle Situation entspricht dem verfassungsm\u00e4ssigen Zustand. So werden auch kantonale Unterschiede in Kauf genommen \u2013 ob man dies nun Flickenteppich oder differenzierte Strategie nennen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>In einer Situation wie der aktuellen stellt sich die Frage nach dem gr\u00f6ssten gemeinsamen Nenner, sprich, was \u00fcberall gleich sein sollte. Plakativ ausgedr\u00fcckt: Es w\u00e4re ja irrsinnig, wenn man mit dem Zug von St. Gallen nach Genf f\u00e4hrt und dabei st\u00e4ndig die Maske an- und ausziehen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Es gab effektiv Zeiten, als es hinsichtlich Fallzahlen grosse kantonale Unterschiede gab. Da ist die Frage erlaubt, ob \u00fcberall gleich rigorose Massnahmen notwendig sind. Kantonale Unterschiede, was die Massnahmen anbelangt, sind sowohl von unserer politischen Struktur in Kauf zu nehmen als auch epidemiologisch verantwortbar.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ersten Welle wurden die Spit\u00e4ler zu einem grossen Teil ger\u00e4umt, der Bund untersagte Wahleingriffe. Als Resultat davon waren viele Spit\u00e4ler fast leer. Da kann man sich effektiv fragen, ob dies sinnvoll war. Nun versucht man, die Spit\u00e4ler flexibel an die Situation anzupassen.<\/p>\n<p><strong>Was erwarten Sie in den kommenden Wochen und Monaten f\u00fcr eine Kurve bez\u00fcglich Fallzahlen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich erwarte in den n\u00e4chsten Wochen eine baldige Stabilisierung der Situation. Der Anstieg der Fallzahlen sollte abgebremst werden. Anschliessend sollte es ein Plateau geben, bei dem schwierig zu sagen ist, wie lange dieses anhalten wird. Ich erwarte zudem noch dieses Jahr eine deutliche Abflachung der Kurve, jedoch einen Wiederanstieg im Fr\u00fchling.<\/p>\n<p><strong>Wie haben Sie Ihre pers\u00f6nliche Rolle seit dem Ausbruch der Coronapandemie erlebt? Sehen Sie die gesteigerte Aufmerksamkeit an Ihrer Person auch als Best\u00e4tigung Ihrer Arbeit oder k\u00f6nnten Sie gut darauf verzichten?<\/strong><\/p>\n<p>Vom Naturell her sagt es mir eher zu, im Hintergrund zu arbeiten. Ich habe aber nun mal das VKS-Pr\u00e4sidentschaftsamt w\u00e4hrend dieser Zeit inne. Das Sichtbarsein und die \u00f6ffentlichen Auftritte geh\u00f6ren dabei dazu. Dies ist auch richtig und ich erfahre Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr meine Rolle \u2013nat\u00fcrlich geh\u00f6ren auch kritische Stimmen dazu.<\/p>\n<p><strong>In der \u00abSchweizer Illustrierten\u00bb werden wir Sie also nie antreffen?<\/strong><\/p>\n<p>Jedenfalls nicht freiwillig (lacht).<\/p>\n<p><strong>Kommen wir noch kurz weg von der Coronapandemie. Was f\u00e4llt in Ihr Zust\u00e4ndigkeitsgebiet als Kantonsarzt, was nichts damit zu tun hat?<\/strong><\/p>\n<p>Eine wichtige Funktion ist effektiv die Epidemiologie. Es gibt neben Corona noch 70 weitere relevante \u00fcbertragbare Krankheiten, die meldepflichtig sind \u2013 zum Beispiel Tuberkulose oder Chlamydien.<\/p>\n<p>Abgesehen davon geh\u00f6rt die Aufsicht der Gesundheitsberufe genauso dazu, wie die Beurteilung von Hospitalisationen, da der Kanton bei Spitalaufenthalten einen Teil der Kosten \u00fcbernimmt und es Regeln daf\u00fcr gibt, wann er zahlen muss und wann nicht.<\/p>\n<p>Eine Spezialit\u00e4t des Kantons Zug ist, dass auch die Forensik dazugeh\u00f6rt, die amtliche Leicheninspektion machen ich und meine MitarbeiterInnen. Ausserdem sind die Suchtberatung und -hilfe in meinem Amt angesiedelt und ich habe eine Abteilung Kind- und Jugendgesundheit mit Pr\u00e4ventionsaufgaben, insbesondere im Schulbereich.<\/p>\n<p>Und: Wir haben Projekte wie aktuell zur Suizidpr\u00e4vention, auch beraten wir die politischen Beh\u00f6rden in gesundheitspolitischen Fragen. Zu guter Letzt sind wir f\u00fcr das Heilmittelwesen zust\u00e4ndig. Die Kontrolle des Heilmittelvertriebs liegt in unserer Verantwortung.<\/p>\n<p><strong>Stichwort Heilmittel. Wie viel Energie hat neben der Coronapandemie zus\u00e4tzlich die Geschichte rund um den mittlerweile beurlaubten Heilmittelinspektor Ludek Cap gekostet?<\/strong><\/p>\n<p>Personalgesch\u00e4fte, die nicht rund laufen, sind immer eine Belastung. Jedoch sind Personalentscheide Teil meines Amtes.<\/p>\n<p><strong>Ist die Angelegenheit f\u00fcr Sie abgehakt, da die Zuger Staatsanwaltschaft von einer Strafuntersuchung abgesehen hat?<\/strong><\/p>\n<p>Dies werden wir sehen. Es besteht nat\u00fcrlich die M\u00f6glichkeit rechtsstaatlicher oder personalrechtlicher Verfahren. Solche Verfahren k\u00f6nnten sich unter Umst\u00e4nden \u00fcber Jahre hinziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rudolf Hauri steht als Zuger Kantonsarzt und als oberster Schweizer Kantonsarzt seit Ausbruch der Coronapandemie unfreiwillig im Rampenlicht. Wie er mit dieser gesteigerten Aufmerksamkeit umgeht, weshalb er mit Sorgenfalten auf die Wintersportsaison blickt und warum er die Lage im Kanton Zug als \u00abbedrohlich\u00bb eingestuft hat, erz\u00e4hlt er im Gespr\u00e4ch mit FonTimes. 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